RAWA-Förderverein Deutschland

Interview mit der RAWA Aktivistin Zoya , Berlin 15.06.2008

* Wie finanziert sich Rawa?

„Durch Spendenaufrufe, durch den Verkauf von Handarbeit der Frauen, die ihre Männer verloren haben. Rawa hat große Finanzprobleme, wir erhalten keine Unterstützung durch die Regierung , da Rawa sehr stark gegen den Fundamentalismus ist. Wir sind auf die individuellen Spenden unserer Unterstützer angewiesen, die uns von 5 bis 1000 Euro spenden.

 

„In Deutschland haben wir leider nicht die Unterstützung, die wir haben sollten. Die Menschen hier sind sehr gute Menschen, aber sie sind sich nicht bewusst darüber, wie es in Afghanistan wirklich aussieht. Sie glauben, unser Land ist befreit und hat eine demokratische Regierung. Das ist nicht wahr. Unsere Regierung ist kriminell und die Wahlen wurden mit Waffengewalt durchgeführt und mit Geld manipuliert. Sie haben die Stimmen erkauft.“

 

* Wie kann man Menschen in Deutschland die Arbeit Rawas erklären?

„Rawa ist eine der ältesten politischen und sozialen Organisationen afghanischer Frauen, die 1977 gegründet wurde.  Zu dieser Zeit war das Hauptziel, für die Gleichberechtigung der Frauen in der männlich-chauvinistischen Gesellschaft zu kämpfen. Rawa wurde von weiblichen Intellektuellen (Lehrerinnen, Universitätsangehörigen) gegründet.  Aber als 1979 die Russen unser Land besetzten, wurde Rawa in den Widerstandskampf gegen Russland involviert. Nicht auf gewalttätigem Wege, da wir nicht an die Macht der Gewalt glauben, sondern mit Hilfe von Flugblättern und diversen Print -Veröffentlichungen. Zur gleichen Zeit wurden die ersten Flüchtlingscamps in Pakistan gegründet. Auch dort versuchte Rawa zu helfen. Aber als 1992 die terroristischen Fundamentalisten der Nordallianz an die Macht kamen, haben diese viele Gewalttaten an Mitmenschen verübt, Vergewaltigungen und Entführungen von Kindern und Greisen.  Sie töteten 1000 Menschen und haben versucht, die ohnehin schon vorhandenen ethnischen Probleme in unserem Land zu verstärken. In unserer Regierung gab es acht unterschiedliche Gruppierungen, die jeweils von einem anderen Land unterstützt wurden, wie vom Iran oder Saudi-Arabien. Das alles resultierte jedoch aus dem Kalten Krieg der USA gegen Russland. Rawas Fokus von 1992 bis heute ist der gleiche: Fundamentalismus. Nicht nur der Fundamentalismus der Taliban, sondern auch der der Nordallianz, welcher gefährlicher ist. Denn die sind hippokratischer. Sie verbergen sich hinter der Maske der Demokratie. Wir wollen sie entlarven, durch unsere Reden, die wir auf der ganzen Welt halten und mit unserer Website. Da wir eine geheime Organisation sind, ist die Arbeit für uns sehr schwer, wir müssen im Untergrund arbeiten. Unsere Anführerin wurde 1987 getötet. Wir bekommen Todesdrohungen. Denn wir sind die einzige Stimme, die einzige Organisation, die alle Fundamentalisten entlarvt. Deshalb wollen sie uns ruhigstellen, uns so schnell wie möglich fertig machen. Von 1992 bis heute ist unser Ziel der Kampf für Demokratie, Freiheit,  Säkularisierung (die sehr wichtig für unser Land ist, da die Religion von den Fundamentalisten für politische Zwecke missbraucht wurde). Rawa ist die einzige Organisation, die für die Säkularisierung eintritt, deshalb werden wir auch beschuldigt, Kommunisten oder Maoisten oder Marxisten zu sein.

Die Afghanen, die im Exil leben, kritisieren uns häufig, weil sie finden, dass wir zu hart sind, zu strikt. Sie sagen, wir sollten sanfter sein, da wir eine Frauenorganisation sind. Aber wir finden, wir müssen stark sein, da wir blutige und mächtige Feinde haben, die ignorant und barbarisch sind und nur die Sprache der Waffen sprechen. Rawa ist nicht nur politisch. Wir  sind auch eine soziale Organisation, Wir haben Schulen für Jungen und Mädchen in den Flüchtlingslagern und auch in Afghanistan haben wir Alphabetisierungskurse für Frauen. Denn wir glauben, dass Wissen und Bildung die Macht ist, die ihnen hilft, ihre Rechte kennen zu lernen. Viele von ihnen sind hoffnungslos, sie bringen sich um. Die Selbstmordrate in Afghanistan ist so hoch wie noch nie. Frauen verbrennen sich. Sie verstümmeln sich. Sie sind  nach 30 Kriegsjahren sehr verzweifelt. Sie glauben, dass das Leben, das sie führen, vielleicht ihr Schicksal sei. Wir kämpfen dagegen.  Gegen Vergewaltigung, Kidnapping, Geiselnahmen und diese Verbrechen.  Rawa ist die einzige Organisation, die in Afghanistan Waisenhäuser unterstützt. In jedem Haus haben wir rund 50 Waisenkinder, die ihre Eltern verloren haben oder die dadurch, dass ein Elternteil gestorben ist, zu Hause zu wenig Geld hätten, um dort aufgezogen zu werden. “

 

*  Wie könnt ihr als Geheimorganisation Schulen und Waisenhäuser leiten?

„Es ist so, dass außer uns niemand weiß, dass diese Häuser Rawa gehören. Wir machen das unter einem Deckmantel. Die Mehrheit der Menschen wissen in ihrem Herzen, dass es eine Rawa-Organisation ist, aber niemand spricht es aus. Und auch wir sagen, dass es nicht zu Rawa gehört. Wir verbergen es hinter einer privaten Initiative. So kann die Regierung es nicht herausfinden. Wissen Sie, wir haben eine Unterstützung durch Sponsoren für die Waisenkinder. Jedes Kind hat einen Paten. Eine Patenschaft kostet 55 Euro, Sie finden mehr Informationen auf unserer Website. Nach 9/11 wurden wir stark unterstützt und konnten ein Krankenhaus für Frauen und Flüchtlinge gründen, die dort umsonst behandelt wurden. Aber nach dem Beginn des Irakkrieges ließ das Interesse der Medien an unserem Land nach und wir mussten das Krankenhaus schließen. Aber wir haben mobile Hilfsteams, bestehend aus einem Arzt, einer Krankenschwester und einem Helfer, die mit einem Auto herumfahren und in verschiedenen Provinzen helfen. Wir bezahlen dem Arzt ein Gehalt. Wir sind völlig abhängig von Spenden, um überhaupt Schulen, Waisenhäuser und ärztliche Hilfe zu gewährleisten. “

 

* Wie bekommen Sie neue Mitglieder?

„Da wir viele Sicherheitsprobleme haben, können wir nur wenigen Menschen trauen. Viele wollen uns helfen und Mitglieder werden. Aber wir müssen sehr vorsichtig sein und es dauert sehr lange, bis wir jemanden bei Rawa aufnehmen können, das können Sie sich vorstellen. Anfangs werden sie nur Unterstützer und bekommen begrenzt Informationen von uns, denn alles bei uns ist geheim: unser Zuhause, unsere Namen. Nachdem wir den potentiellen Mitgliedern einige Informationen gegeben haben, schicken wir sie zu politischen Veranstaltungen/Kursen, wo sie über Frauen- und Menschenrechte aufgeklärt werden und lernen, öffentlich zu reden. Deshalb tragen wir auch die Burka. Es geschieht sehr oft, dass Frauen, wenn sie ohne Schleier durch die Straßen laufen, nachts vergewaltigt werden oder in Ehen gezwungen werden.

 

* Wie viele Mitglieder hat Rawa?___

In Afghanistan und Pakistan haben wir 2000 – viele von ihnen können aber nicht lesen und schreiben, aber sie unterstützen uns auf andere Art und Weise – mit Handarbeit, die wir verkaufen und mit der wir Geld verdienen können. Weiterhin haben wir andere Unterstützer, das   sind rund 1000. Als Mitglieder akzeptieren wir nur Frauen. Aber ohne die Hilfe von Männern wären wir aufgeschmissen. Wir akzeptieren sie aber nur als Unterstützer, nicht als Mitglieder.“

 

* Wie gehen die afghanischen Männer mit der Situation in Ihrem Land um?

„Männer und Frauen leider unter den gleichen Problemen. Die Taliban sind eine kleine Gruppe, aber da sie durch die anderen Regierungen unterstützt wurden, machen sie den Eindruck,    als seien sie eine große Macht, sind sie aber nicht. Männer und Frauen sind der 30 Kriegsjahre und der Taliban, der Nordallianz und der US-Truppen müde. Denn niemand brachte Gerechtigkeit und Freiheit. Viele Männer schicken heutzutage ihre Kinder zur Schule – nach den Gesetzen sind die Schulen auch für Frauen geöffnet. Aber viele Väter schicken ihre Töchter nicht zur Schule, weil sie keine Sicherheit haben. Sie werden auf dem Weg zur Schule vergewaltigt und getötet – das ist bei uns an der Tagsordnung. Sie wollen ihre Kinder nicht unter Todesgefahr zur Schule schicken.“

 

* Rawa hat viele Ziele. Welches ist momentan das Wichtigste?

„Bildung und die Waisenhäuser. Denn wir glauben an die nächste Generation. Wissen ist die Macht, die wir haben. Wir können Wissen als Waffe gegen den Fundamentalismus nutzen – das ist unsere einzige Chance.“

 

* Die Mehrheit der Menschen in Afghanistan leidet sehr.

Viele verkaufen ihre Kinder, weil sie sonst verhungern würden. Sie verkaufen ein Kind, um die anderen versorgen zu können. Das Schicksal dieser Kinder ist ungewiss. Manche arbeiten, manche kommen zu Familien im Ausland. Von manchen werden die Organe verkauft, die Nieren oder die Leber. Andere werden als Prostituierte nach Saudi-Arabien verkauft. Auch werden Kinder häufig von der Straße entführt/gekidnapped und als Sklaven nach Arabien (?????) verkauft.

 

 

* Aber Sie haben eine Regierung!

Die Regierung ist voll von Kriegsherren, Drogenbossen, Verrätern und der Mafia. – Wer sagt, wir haben eine Regierung?  Karsai war kein Krimineller. Er ist ein CIA-Mann. Er wurde von den USA ausgebildet.

 

 

* Als Malalai Joya vor einigen Monaten in Berlin zu Besuch war, wurde sie stets gefragt, wie sie zu den US-Truppen in Afghanistan steht und auch zum Einsatz der deutschen Bundeswehr. Wie ist deine Einstellung zu dem Thema?

„Ich denke, die Truppen sollten umgehend das Land verlassen. Alle Truppen. Und ich habe einen Grund dafür. Zu Beginn war unsere Bevölkerung sehr müde durch die Taliban und die USA haben uns Versprechen gemacht, was sie für unser Land tun würden. Aber seither sind sieben Jahre vergangen und das sollte doch genug Zeit sein, um etwas Gutes zu tun. Aber sie haben nichts Gutes getan. Sie unterstützen unsere Feinde und finden Kompromisse mit den kriminellen Nordallianzen und haben sie an die Macht gebracht- gegen die Taliban. Warum haben sie nie versucht, die Demokratie in unserem Land zu etablieren ?   Nun nehmen sie den Terrorismus (Al Quaida und Taliban) als Rechtfertigung in unserem Land zu bleiben. Und das doch nur, um ihre eigene politische Situation zu sichern. Es würde eine Supermacht wie die USA drei Stunden kosten, um die Taliban auszulöschen – aber sie wollen es nicht. Sie brauchen einen Grund, um in Afghanistan bleiben zu können. Falls die deutschen Truppen Afghanistan verlassen würden, würde das an der Situation auch nicht viel ändern, denn die USA würden nicht gehen. Wir dachten, die Truppen würden die Gewalt in unserem Land beenden und den Fundamentalismus der Nordallianz und der Taliban stoppen. Aber das taten sie nicht. Wir hofften, sie würden die Demokratie unterstützen und all die kriminellen Mitglieder in unserem Parlament vor Gericht bringen. Auch das taten sie nicht. Sie haben keines ihrer Versprechen gehalten. Daher sagen wir, es ist besser, wenn sie das Land den eigenen Leuten überlassen. Vielleicht beginnt sogar ein Bürgerkrieg, wenn sie Afghanistan verlassen. Der würde aber stets ausbrechen, sobald sie das Land verlassen  ,    ob heute oder in 50 Jahren. Momentan sind 43 Länder in unserem Land und dann noch die Taliban und die Nordallianz. Unsere Leute sind verwirrt. Sie wissen nicht, wer Freund ist und wer Feind. Es ist besser, das Land den Leuten zu überlassen. Niemand kann von außen die Befreiung in ein Land bringen. Daher sollte es unseren Leuten überlassen werden. Wenn jemand wirklich unser Land unterstützen will, sollte er die Demokratie in unserem Land unterstützen. Das ist die einzige Hilfe, die von Nutzen ist.“

* Glaubt ihr, die US-Wahlen werden etwas an eurer Situation ändern?

„Nein, wir haben keine Hoffnung. Einer alleine kann nichts an unserer Situation ändern. Afghanistan ist viel zu wichtig, als dass die USA uns ‚aufgeben’ würden.“

 

* Habt ihr je daran gedacht, Waffen wären eine Hilfe?

„Wir müssen Afghanistan ideologisch befreien, nicht physisch. Wir sind eine Gruppe, die nicht an Gewalt glaubt. Wie viele Menschen sollten wir töten? Gewalt ist keine Lösung. Obwohl ich die Wut der Menschen verstehe, deren Angehörige getötet wurden, die einfach nur an Rache denken.“

 

* Ist die Arbeit für RAWA so wichtig, ____ dass du dafür dein Leben gefährden solltest?

„Wir versuchen uns zu schützen, aber es ist schwer. Nur ist die Arbeit notwendig – wir müssen sie tun. Wir reisen anonym in Afghanistan, wir ändern stets unsere Aufenthaltsorte, denn wir werden bedroht, aber das ist etwas, mit dem wir leben müssen.“

 

* Wie verabredet ihr eure geheimen Treffen?

„Dank E-Mail und unseren bestimmten Codes, können wir gut kommunizieren. Wir sind gut abgesichert. E-Mail und Internet sind unsere Hilfen.“

 

* Wie lange werdet ihr weitermachen?

„Manchmal scheint es uns hoffnungslos. Doch auch wenn wir in der nahen Zukunft keine Chance auf Besserung sehen, müssen wir doch für die nächste Generation weiterkämpfen. Ich wurde 1979 geboren. Von damals bis heute habe ich nur Blut, Tränen und Tod gesehen. Vielleicht werde ich sterben, ohne dass sich etwas geändert hat. Vielleicht wird es aber auch in zwanzig Jahren anders sein. Unsere Situation ist an die Weltsituation gebunden. Amerika, Iran, Pakistan und Russland sind alle in unserem Land durch ihre Hilfs- und Untermänner tätig.“

 

* Kannst Du mir noch einmal etwas zu euren Waisenhäusern sagen?

 „Dort leben 40 – 45 Kinder und ein Mann und eine Frau, die wie Vater und Mutter für die Kinder sind.  Sie sind mit ihnen den ganzen Tag zusammen. Sie haben einen Koch und eine Putzhilfe. Sie leben in einem Haus und manchmal gehen sie  im Sommer zu ihren Verwandten, falls sie noch welche haben. Die sehen sie aber nur 20 Tage. Und dann haben wir eine Schule in Afghanistan. Sie gehen zur normalen Schule. In Pakistan gehen sie zu Schulen von Rawa. Nachmittags kommen sie vom Unterricht zurück und bleiben dann zu Hause.“ 

 

* Nach welchen Kriterien wählt ihr die Kinder aus, die aufgenommen werden?

„Wir versuchen, so viele wie möglich aufzunehmen. Wir nehmen Kinder auf, wenn wir Platz haben. Aber wenn nicht, müssen wir ablehnen. Wir haben schon Hunderte Kinder abgelehnt. Und es schmerzt sehr.“

 

* Zoya: „Alles Geld, was zu Rawa geht, wird strikt verwaltet. Ich versichere, dass kein Cent in falsche Hände gerät. Es gibt /Wir haben ein großes Komitee. Und wenn sie es verteilen, dann achten sie darauf, wofür die Spender es bestimmt haben. Und wir sagen stets, dass jeder, der einen Bericht (über den Verbleib des Geldes haben????)  möchte, ihn bekommt. Außerdem laden wir auch gerne Spender ein uns zu besuchen und zu sehen, was wir mit dem Geld machen.“